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Das Schulsystem Paraguays und seine praktische Umsetzung

Jetzt, nachdem die Schule nach 84 Tagen Abstinenz, zumindest in einigen Gebieten, begonnen hat, rollt so träge wie üblich die Erziehungsmaschinerie wieder an. Für Außenstehende unbegreiflich einfach ist das Schulsystem, welches keinen Neid mehr erzeugt, wenn man sieht, wie lapidar es umgesetzt wird.

Wie ist es strukturiert?

Der Beginn einer jeden schulischen Erziehung liegt im Alter von 5 Jahren in der Vorschule (pre-escolar). Darauf folgt die Grundschule (escuela basica) vom 1. bis zum 6. Schuljahr. Sie ist der obligatorische Teil, den jeder absolvieren sollte. Danach stehen einem die Türen offen, denn nach erfolgreich bestandener 6. Klasse kann man sechs weitere Jahre das College besuchen, Colegio genannt. An privaten, teilweise teuren, aber immer kostenpflichtigen staatlich anerkannten Lehrinstituten kann diese Ausbildung auch in der Hälfte der Zeit gemacht werden. Mit einem solchen Abschluß, den man in seinem Wert mit einem deutschen Gymnasialabschluß vergleichen kann, hat man die sog. Hochschulreife erlangt und kann sich für einen Studienplatz an einer Universität des Landes bewerben. Inwieweit dieses Abschlußzeugnis von anderen Ländern anerkannt wird, regeln zwischenstaatliche Abkommen.


Gute Voraussetzungen zum Lernen in Paraguay sind eine Schule in Stadtnähe, Lehrer mittleren Alters, gutes Wetter und eventuell eine Portion Eigeninitiative. Auf dem Land werden die Kinder der Grundschule nach den Ferien erstmal 4 Tage mit der Reinigung der Klassenzimmer beschäftigt, daß da kein Kind den Weg zur Schule findet, ist sonnenklar. Somit wurde automatisch, weil das so üblich ist, der Schulbeginn vom 23.02.10 auf den 01.03.2010 verschoben - klingt sowieso besser. Bei Regenwetter, oder wenn es auch bloß nach Regen aussieht, bewegen sich auch die animiertesten Schüler nicht zur Schule, weil ihre Lehrer oft gleich handeln. Und wenn die Schule wirklich Anfang März beginnen sollte, fragt man sich, für wie lang, denn immer neue Weiterbildungsveranstaltungen für Lehrer kommen wöchentlich hinzu und stellen für die Eltern quasi eine Verabredung zum Streiken dar. Auch Stromausfälle machen vor Bildungseinrichtungen natürlich nicht halt, Stadtwasser fließt nur selten aus den Leitungen und gestaltet den täglichen Besuch unhygienisch bis gesundsheitskritisch. Asfaltstraßen ohne Geschwindigkeitsreduzierung sind für sicherheitsbewußte Eltern auch kein großer Anreiz, die Kinder solchen Gefahren auszusetzen. Schlußendlich kann man von einer Infrastruktur gepaart mit einer Mentalität reden, die gesellschaftlich toleriert mehr anbietet, daß man nicht am Unterricht teilnimmt, außer man erfreut sich an den gewichtslosen Verbesserungen des Erziehungsministers Luis Riart, der bestimmt beste Absichten hat, sie aber nicht durchsetzen kann.


197 Polizisten passen in einem neuen Programm für mehr Sicherheit an Schulen auf, doch dies nur im Departament Central, also in und um Asunción. Für die 1,7 Millionen Schüler gibt es die Schultasche mit Lernutensilien ab der nächsten Woche als Geschenk vom Staat. Warum also sollte jemand nur einen Rucksack kaufen gehen oder Stifte? Immerhin gibt es bis zur 5. Klasse das tägliche Glas Milch für jeden Schüler. Doch mehr als Kalzium und Vitamine stecken auch da nicht drin. Die wahre Bildung der Kinder sollte man wohl nicht einer staatlichen Schule beziehungsweise deren junger streiklustiger Lehrer überlassen, zumal es private Schulen gibt. Gerade deutsche Schulen sind nicht nur bei deutschstämmigen- und deutschen Kindern beliebt. Auch viele Paraguayer, die es sich leisten können (und gute Bildung hat einen Preis), schicken ihre Kinder gerne ebenfalls auf solche Schulen. Für deutsche Einwanderer mit schulpflichtigen Kindern ergibt sich daraus eine Einschränkung der freien Ortswahl, denn außerhalb der größeren Städte dünnt sich das Angebot an guten Schulen naturgemäß bis auf Null aus, bis eben hin zu den kleinen staatlichen Schulen auf dem Land, die mit allen bekannten und unbekannten Defiziten zu kämpfen haben.


Nicht wenige potentielle Auswanderer ließen angesichts dieser Situation ihre Pläne verstauben, weil sie Kinder haben und sie nicht ins Unglück, ins Bildungsabseits stürzen wollten.


Es bleibt noch viel zu tun in Paraguay, denn nur frei zugängliche und kostenlose, gleichzeitig aber hochwertige Schulen mit exzellenten Lehrern auch in ländlichen Gegenden, können dem Land eine Zukunft sichern, wer da patzt, bleibt hinten.
Solange die meisten Lehrer, wie in einem Test vor garnicht langer Zeit nachgewiesen, nicht einmal die Minimalanforderungen an Wissen nachweisen können, ihrem Bildungsauftrag also eher mangelhaft als befriedigend gerecht werden können, ist es auch um die Lernerfolge der ihnen anbetrauten Kinder, die sie ausbilden "dürfen", sicherlich nicht gut bestellt.


Das Schulsystem aber wegen den Lehrern anzuklagen, wäre, als ob man den vergifteten Fisch für das Wasser, in dem er schwamm, verantwortlich machen würde.


Versäumnisse kann man nur dem Bildungsministerium ankreiden, denn dort wurde seit vielen Jahren offensichtlich der erforderliche Prüfungsstoff für Lehrer nicht an die gegenwärtigen Notwendigkeiten einer sich in jeder Hinsicht schnell verändernden Zeit angepaßt, die man längst das digitale Zeitalter nennt und eine völlig andere Ausbildung voraussetzt, als sie noch vor Jahren üblich und gut war. Solche Fehler in einer weitsichtigen Planung erreichen immer die Basis der Pyramide und dort sind leider im Fall von Bildungspolitik zuerst die Kinder betroffen.
Ausgerechnet aber sie sollen doch die Zukunft sein!


Da muß der Lehrplan an den Unis deutlich nachlegen, bevor die Kluft noch größer wird und schulische Bildung nicht nur den Kindern offensteht, deren Eltern für colegios bezahlen können.


Wer das nicht beachtet, verschwendet allzu leichtsinnig enorme Ressourcen, denn arm ist nie gleich blöd und allgemein bekannt dürfte sein: je besser der Lehrer, umso besser der Schüler.


Das möchte man gerne Señor Luis Riart unters Kopfkissen legen und ihm wünschen, seine Parlamentskollegen mögen ihm alle parteiübergreifend zustimmen, damit er ändern kann, für was es keine Alternative gibt.


Kinder wollen lernen und mit einem guten Lehrer macht es ihnen Spaß, gute Schüler machen die Unis besser und wer diesen Stein ins Rollen bringt, braucht sich um die Zukunft des Landes keine Sorgen mehr zu machen,auch wenn das hier alles etwas idealisiert klingen mag. (J.P.)